Der Morgen-Misanthrop

Ich bin kein Morgenmuffel. Auch wenn ich nach dem Aufwachen erst einen Plan schmieden muss wie ich meinen von Rücken, Schulter und Nacken geplagte Körper aus dem Bett bekomme, habe ich in der Regel morgens passable Laune. Selbst wenn meine Tochter entscheidet den Tag mit einem Schrei im Frequenzbereich eines startenden F16-Kampfjets zu beginnen, atme ich in der Regel locker durch die Hose und lenke meine Gedanken auf den Kaffee der im Vollautomaten auf mich wartet.

Die Stimmung kippt in der Regel kurz nach dem Schließen der Haustür, beim Verlassen des Hauses.

Erster menschlicher Kontakt

Ich halte meine Tochter an der Hand, als die Mittvierziegerin mit betonieren Gesichtsausdruck im 1er BMW durch unsere Straße knallt als wäre Sie bei einem Fahrertraining der Autobahnpolizei. Da Mini-Me mittlerweile die deutsche Sprache aufsaugt wie wie ein furztrockener Schwamm das Spülwasser, muss ich mir schmerzhaft auf die Zunge beissen. Nichts ist schlimmer, als die hochkommende Welle der Beleidigungen und Flüche schlucken zu müssen. Als würde man 19 Nuggets einer 20er Hühnerbox essen und einer einem dann sagen, man müsse sofort aufhören. Unfertig. Mit diesem Quell der Verachtung, der irgendwo kurz unterhalb des Kehlkopfes feststeckt, geht es weiter zur KiTa, wo die herzliche Verabschiedung meiner Tochter den Dämon für einen kurzen Moment besänftigt.

Ausgebremst von einem Herren der vermutlich schon Auto gefahren ist als diese noch mit Kohle angetrieben wurden, bedrängt von einem 18jährigen der meint sein 98er Corsa wäre ein 911er Porsche und begleitet von den neusten, hassschürenden Meldungen rund um die Geschehnisse der deutschen Politik erreiche ich den nächsten Stopp. Den Discounter.

Neben mir steigt ein Typ aus dem Auto: Hoodie, wobei die Mütze nur halb über den Hinterkopf gezogen ist, Hochwasser in der Skinny-Jeans und dazu Sneaker die aussehen wie Luftkissenbote. Ich verurteile keine Menschen für Ihren Kleidungsstil, aber…..naja, Blödsinn, ich tue es doch, was soll man da schön reden. Ich verspüre das Verlangen ihm die getapte Kaputze gerade zu ziehen und die Schuhe anzuzünden. Während ich mich dieser Gewaltphantasie hingebe werde ich unsanft von einem Schüler getreift, der ebenfalls den Discounter ansteuert. Kein Wort der Entschuldigung, nicht mal ein kurzer Blick über die Schulter. Mein Dämon befiehlt mir ihm die Shorts in die Kimme zu ziehen und ihn neben den Pfandautomaten zu hängen. Mit größter Anstrengung widerstehe ich dieser Aufforderung.

Ich vs. Dämon

Im Discountermarkt geht es weiter. Die muffelige Dame an der Kasse birgt in ihrem Gesichtsausdruck soviel menschliche Abscheu, dass selbst mein innerer Dämon den Schwanz zwischen die Beine klemmt – aus Angst und Bewunderung. Wir nicken uns kurz mit ernsten Blick zu, als wären wir gerade im Begriff gemeinsam ein Ding zu drehen.

Ich sammle meine Fressalien für den Tag zusammen und begebe mich zur Kasse. In meiner Hand ein Bagel, eine Packung Frischkäse und ein Fertigsalat. Drei Sekunden vor mir schiebt ein älterer Herr seinen randvollen Einkaufswagen ans Band. Ich überlege ob es der Kohlekraft-Fahrer von der B9 ist, denn ich kurz zuvor noch mit den kreativsten Flüchen belegt habe. Er schaut mich kurz an, wendet seinen Blick auf meine Einkäufe, dann wieder in mein Gesicht. Währenddessen fängt er an an seine Waren auf das Band zu legen – Stück für Stück. Ich würde sagen das dies Gottes Rache ist, aber als Agnostiker möchte ich das ausschließen. Der Dämon versucht durch meine Brust zu brechen um den Typen mit einer seiner drei Packungen Kücherolle zu verdreschen bis er La Paloma singt, aber auch dieses mal behalte ich die Überhand.

Mutter des Jahres

Nach gefühlten 1,5 Stunden an der Kasse geht es wieder zum Auto, welches ich ohne Zwischenfälle erreiche. Während ich mich anschnalle sehe ich vor mir eine Frau aus einem Auto steigen. Typ RTL2-Vormittagsprogramm-Statistin. Die Fluppe ist halb weggequalmt, die aufsteigende Rauchwolke spiegelt sich in ihrem strähnigen Haar und gibt der Szenerie etwas mystisches.

Sie läuft rum ums Auto öffnet die Tür hinten rechts und holt ihr Kleinkind aus dem Kindersitz. Für einen Moment wird es still in mir. Blanker Hass und tiefste Verachtung stehen Verzweiflung und Entsetzen gegenüber. Ich wippe nervös mit dem Bein und überlege ob ich straflindernde Umstände gelten machen kann, im Falle des Falles.

Ich schließe die Augen. Atme viermal tief durch. Die Frau und auch der Hass auf die Menschheit allgemein sind weg.

Lächelnd und zufrieden erreiche ich das Büro.

Man kann vieles sagen, aber ein Morgenmuffel bin ich wirklich nicht! Ich muss jetzt aufhören, sonst verpasse ich meinen 11-Uhr-Termin beim Exorzisten.

Euch einen schönen und entspannten Tag!

 

 

 

 

 

RSS
Facebook
Facebook
Twitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ich akzeptiere