Einmal AK, immer AK

Arschlochkind - AK - Kaiskolumne
Lesezeit: 3 Minuten

Seit ich Vater geworden bin, hat sich meine Sichtweise zu Kindern verändert. Was früher ein sabbernder Troll mit mangelnder Schließmuskelkontrolle und fragwürdiger Hygiene war, ist heute ein süßer Fratz. Man wird allgemein ruhiger, nimmt sich nicht mehr so viel an und lernt auszublenden. Unsere Ullige kann klingen wie eine schlecht geölte Kreissäge die auf Metall stößt. Dennoch hacke ich dabei unbeeindruckt das Gemüse und meine Frau schlürft einen Kaffee auf der Couch.

Mir war diese antrainierte Grundentspanntheit durchaus bewusst, und ich habe mir mehr als einmal selbst dafür auf die Schulter geklopft. Kinder sind toll. Ich wollte Sie ALLE knuddeln. Doch dann kam er.„ER“ ist ein kleiner Junge. 4 oder 5 Jahre alt. Latzhose, blonde mittellange Haare, Sommersprossen, wütender Gesichtsausdruck. Die Reinkarnation von „Dennis“, nur in richtig fies.

Leandro-Pascal Bruce Lee Junior

Ich nenne ihn Leandro-Pascal, um dem Kind im wahrsten Sinne des Wortes einen Namen zu geben. Leandro-Pascal begegnete mir im hiesigen REWE-Markt. Als Hintergrundinformation muss ich erklären, dass unser REWE-Markt die Größe eine vollgestellten Doppelgarage hat. Eine Flucht in einen weitentfernten Gang war also nicht möglich.

Der Einkauf

Ich betrete den Laden und schnappe mir einen Tragekorb. Abgesehen davon, dass ich nicht viel einkaufen will, fühlt man sich in dem Markt mit einem Einkaufswagen immer so als würde man versuchen einen Flugzeugträger durch ein Puppenhaus zu schieben. Im Kopf sage ich mir auf, was ich besorgen will. Es sind nur drei Dinge, aber ich habe mehr Lochfraß im Hirn als eine Waschmaschine ohne Calgon. Daher ist es immens wichtig, die Dinge immer wieder zu wiederholen. Ich bin gerade dabei mir eine Eselsbrücke zu bilden, da wird mein Gedankengang von einem schrillen Kampfschrei unterbrochen.

Das AK, der Opa und Heinz-Philipp

Im Süßigkeitengang entdecke ich den Tinnitus-Terroristen, der damit beschäftigt ist seinen Teddy gegen die Auslage zu schleudern, akustisch untermalt mit Karatesounds im Hochfrequenzbereich. Meine väterliche Gelassenheit gerät ins Schwanken, als Leandro-Pascal einem vorbeiziehenden Opa die Zunge rausstreckt und andeutet seinen zerfledderten Stoffkollegen gegen seinen Krückstock zu schmeißen. Dieser nutzt seine Weisheit um ihm mitzuteilen was für ein verzogener Rotzlöffel er sei. Unbeeindruckt davon, entgegnet klein Frodo dem weiterziehenden Gandalf mit Spuckattacken und Zungenakrobatik. Egal – durchatmen, ignorieren, weiter gehen.

Ein paar Meter weiter entdecke ich den Erzeuger, dessen Blick permanent zwischen Handy und Regal wechselt. Ganz eindeutig hat er den Mute-Modus eingeschaltet und somit die Leandro-Pascal Sounds ausgeblendet. Als eine Verkäuferin vorbei kommt, motzt der Freudenspender diese plötzlich unverhältnismäßig unfreundlich an. Leandro-Pascals Vater, nennen wir in Heinz-Philipp, ist also offenbar ein Arschloch.

Round 1 – Fight!

Ich erreiche schließlich das Kühlregal und studiere die Joghurt-Auswahl. Meine Drei-Dinge-Liste wurde durch Leandro-Pascals Schrei von der der Festplatte gelöscht, also muss ab sofort der Hunger die Auswahl der einzukaufenden Lebensmittel übernehmen. Plötzlich steht Baby-Bruce Lee neben mir, in Kampfhaltung, mit rot angelaufener Pfannkuchenfresse. Da Heinz-Philipp intensiv mit seinem Handy beschäftigt war, wurde mir damit wohl kurzerhand der Erziehungsauftrag übertragen. Ich schaute Prinz Arschloch konzentriert in die Augen. In meinem Kopf läuft die Mortal Kombat Melodie, während ich den Hosenscheißer gedanklich an seiner Latzhose am Deckenventilator aufhänge.

Abgelenkt von diesen süßen Gedanken nutzt Leandro-Pascal die Gelegenheit und tritt mit voller Wucht gegen meinen Korb. Nicht schlecht, junger Padawan. Wohlwissend meiner Reichweite macht er einen Satz nach hinten, geht wieder in Ausgangsstellung und erwartet offenkundig meinen Gegenschlag. Ich spüre ein Zucken im Bein. Eine Stimme sagt mir „KICK HIM LIKE BECKHAM“. Stattdessen sage ich ihm mit zusammengepressten Zähnen, dass dies jetzt aber nicht nett gewesen ist.

Heinz-Phillip steht mittlerweile an der Kasse und ruft seinen Beitrag an die Nachwelt zum bei Fuß. Während er weiter auf sein Handy schaut, ist der Giftzwerg mit dem Versuch beschäftigt das Warenband aufzuhalten.

Ich lasse mir erst Zeit und stelle mich später an. Erstmal erden, der Vaterfreuden bewusst werden, Verständnis aufbauen und durchatmen. Es hilft nichts. Leandro-Pascal ist ein Arschlochkind. Die gibt es halt auch. Schuld sind immer die Eltern, hat Heinz-Phillip eindrucksvoll bewiesen.

Wie Michael Mittermaier vor vielen Jahren schon bemerkte: Einmal AK, immer AK.

RSS
Facebook
Facebook
Twitter
Google+
https://www.kaiskolumne.de/einmal-ak-immer-ak/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ich akzeptiere