Talkshow 2.0

talkshow 2.0 - Kaiskolumne
Lesezeit: 2 Minuten

Ich habe mal gelesen, dass das Internet den Fernseher als Unterhaltungs- und Informationsmedium immer weiter ablöst. Kein Wunder, denn die Medienverantwortlichen im Online-Bereich bedienen sich geschickt an den absoluten Erfolgsformaten aus dem TV. Facebook bietet dafür stets eine ideale Plattform. Insbesondere die Ortsgruppen erinnern mich dabei an die Perle der TV-Produktionen und das Ergebnis des kreativen Schaffens studierter Medienfachleute in den 90ern:

Die Talkshow

Früher habe ich mich immer gefragt, wieso die deutsche Sprache für viele Ausländer klingt wie ein Sack Schrauben in ’nem Rasenmäher. Wenn ich aber morgens den Fernseher anmache, kann ich das durchaus nachvollziehen. „Scripted Reality“ nennt sich das Format, an welchen wir uns zur besten Harzer Prime Time erfreuen dürfen. Meiner Meinung nach ist das für Menschen deren IQ über der Körpertemperatur liegt nicht zu ertragen (Hinweis d. Red.: Harz4 und mangelnde Intelligenz sind nicht zwangsläufig von einander abhängig oder ineinander begründet. Shitstorm-Overkill). Aber der Ur-Vater der erdachten Alltagstragödien übertrifft den Ableger in Sprachgewandtheit und Inhalt um ein Vielfaches. Die Talkshow ist das „Mitten im Leben“ der 90er-Jahre.

Also lieber online. Nachdem man sich über die wichtigen Dinge in der Welt informiert hat, wirft man doch einen Blick in den Orts-Feuilleton auf Facebook. In meinem Fall die Ortsgruppe „Du bist (meine Stadt), wenn…“. Für mich das RTL des Internets: Ein wenig Unterhaltung, noch weniger Informatives und meistens ein Durchschnittsniveau knapp über dem Meeresspiegel. Arabella Kiesbauer goes online.

Kennt ihr das, das wenn ihr etwas lest, ihr euch eine bestimmte Stimme oder einen Akzent vorstellt? Kleiner Test: „I’ll be back“ – Na, wer hat das gerade mit einem harten österreichischen Akzent gelesen? Also mir geht das immer so. Wenn ich einige Kommentare in der Facebook-Gruppe lese, mache ich das im Kopf mit der Stimme eines brüllenden RTL2-Statisten. Nahezu jedes Thema liest sich so wie ein Nachbarschaftsstreit am Gartenzaun. Die Verwendung von Großschrift und einer Vielzahl an Ausrufezeichen verleiht dabei der Argumentation einen besondern Nachdruck. Wie beim Nachbarn fängt alles mit nem überhängenden Ast an und endet in der Flüchtlingskrise. Der gesamte Mob kommentiert und im Eifer des Gefechts fallen Rechtschreibung, Niveau und Anstand der Masse zum Opfer.

Innerhalb von 30 Kommentaren sind Freundschaften beendet und die AfD, Frau Merkel oder die Flüchtlinge verantwortlich für das Problem gemacht worden. Der Bürgermeister kann angeblich auch nichts. Außerdem wird der neue REWE lautstark boykottiert und jemand beklagt das der ganze Scheiß ja nichts mit der Stadt zu tun hat.

Wenn man bedenkt, dass das Ausgangsthema ein entlaufender Hund ist, kann man schon mal klatschen.

Natürlich sind nicht alle Beteiligten als Kind vom Wickeltisch gefallen. Aber die, die es sind, schreien oft am lautesten. Und das schlimmste ist: Bei RTL und Co. bekommt man wenigsten ein paar hundert Euro wenn man sich zum Affen macht…

 

 

 

 

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