Was ist letzte Preis?

Letzte Preis - Kaiskolumne

Anzeigen-Portale wie die eBay Kleinanzeigen oder der Facebook Marketplace erfreuen sich großer Beliebtheit. Im Gegensatz zu dem ursprünglichen Versteigerungsmodell beim großen Bruder wird man so schnell alten Rammel los und kann günstig neuen, alten Rammel erwerben. Nachdem eBay die gleiche Entwicklung wie der Trödelmarkt auf dem IKEA-Parkplatz gemacht hat und nur noch mit Festpreis-Handyhüllen-Gewerbetreibenden vollgestopft ist, bieten diese Plattformen die Möglichkeit für entspannte und unkomplizierte Deals. So der Grundgedanke.

Entspannt ist allerdings ein dehnbarer Begriff. Dazu ein kurzer Einblick auf eine kürzlich von mir durchgeführte Verkaufsaktion.

Ein ausziehbarer Esstisch muss her. Kurzerhand checken wir die Kleinanzeigen, werden fündig, schreiben eine freundliche Mail, befinden den Preis für angemessen und tüten das Geschäft innerhalb von vier Nachrichten ein. Nun musste der alte Platzhalter schnellstmöglich unter den Hammer. Ich schreibe also einen Text mit Infos über das Alter, die Maße, die Beschädigungen und die Kontakt- Besichtigungs- und Abholmöglichkeiten. Garniert wird das Ganze mit 8 Fotos aus allen erdenklichen Winkeln. Ich kam mir vor wie beim Casting für Germanys Next Top Table. Um das Teil schnellstmöglich verkloppt zu kriegen, setze ich einen Niedrigkurs von 50 Euro VB an – wohlwissend das dieses Kürzel eine magnetische Wirkung auf Menschen mit Verhandlungstourette hat. Aber was weg muss, muss weg, also stelle ich mich der Herausforderung.

Der Höhlenmensch

Die erste Nachricht lässt nicht lange auf sich warten. „25 eu, hole ab adresse bitte“. Ich freue mich, offenbar habe ich es mit einem Linguisten zu tun. Ich antworte bewusst ausführlich und setze meinen Gesprächspartner darüber in Kenntnis, dass der Preis nicht meinen Vorstellungen entspricht und ich es daher nicht für erforderlich halte meine Adresse mitzuteilen. Das hat „Rene“ (Anm.d.Red.: Name wurde nicht geändert) entweder nicht verstanden oder ignoriert. „Foto“ lautet der Inhalt der nächsten Nachricht. Ich stelle mir vor wie zwei Neandertaler am Feuer sitzen und einsilbig über das letzte Stück Mammut verhandeln. Also schmeiße ich mir den Langflor-Teppich um die Hüften, kratze mir die Parasiten aus dem Fell und versetze mich in die Lage meines Gegenüber. Method-Acting für eBay-Verhandlungen.

„In Anzeige“. Kaum verschickt plagen mich Selbstzweifel. War das noch zu hoch? Wäre ein Rechtschreibfehler angebracht gewesen? Hätte ein Wort gereicht? Während ich, eingehüllt im Flokati darüber nachdenke, erscheint die Antwort im Chat-Fenster: Der Facebook „Gefällt Mir“-Daumen. Das war das Ende der Kommunikation mit Rene. Tiefer in die Rolle des Höhlenmenschen wollte ich mich einfach nicht eingrooven – nicht für 50 Euro.

Was ist letzte Preis?*

Nur weniger Minuten später die nächste Nachricht. Der Klassiker, die Kultfrage, der einzig vernünftige Einstieg in eine zielführende Verhandlung: „Was ist letzte Preis?“. Mein Herz springt vor Freude. Ich kann mir ein einleitendes „Hallo“ nicht verkneifen und informiere den Interessenten darüber, dass meine Schmerzgrenze bei 40 Euro liegt, wenn der Tisch heute noch abgeholt wird. „Für 30 nehme ich, hole morgen ab, sag adresse“. Ich falle vom Glauben ab. Selbst wenn man sich mit dem Hammer gebürstet und den Kaffee mit Bleiche gekocht hat, müsste man doch erkennen, dass an dieser Antwort einfach ALLES falsch ist. Selbst Rene der Neandertaler hat mit seiner Einsilbigkeit einen besseren Eindruck hinterlassen. Mit einer Mischung aus Verzweiflung und Wut hole ich zum verbalen Vernichtungsschlag aus, besinne mich aber dann doch meiner Prinzipien und lehne das Angebot höflich ab. Wieder erhalte ich den Daumen als Antwort. Ich bin mir nicht sicher ob das der neue Mittelfinger ist, oder ob man so grundsätzlich Gespräche beendet, wenn man zwei IQ-Punkte über Brotschimmel liegt.

Der Kostenaufsteller

Der nächste Interessent zeichnet sich mit dem Schreiben ganzer Sätze aus. Auch ein ein Grußwort ist vorhanden, was schon fast sympathisch wirkt. Er klärt mich darüber auf, dass er 35 Euro bezahlen würde, wohlwissend meiner Schmerzgrenze. Ich lehne ab. Es folgt eine ausführliche Kostenaufstellung über die Spritkosten, das Anmieten einen Transporters und die Arbeitskraft seines Helfer. Damit käme er auf Gesamtkosten von 105 Euro. Ich mache ihm das Angebot eine halbvolle Pulle Marken-Glasreiniger und eine nur wenig genutze Rolle Zewa oben drauf zu legen, wenn wir uns auf 40 Euro einigen können. Noch bevor ich den Wert der Extras berechnen konnte kam ein „Ne Danke“ – die bisher höflichste Beendigung eines Verhandlungsgesprächs.

Die Erlösung

Letztendlich findet sich ein Käufer der noch am gleichen Abend vorbei kommt und den Tisch für 40 Euro mitnimmt. Vielleicht auch aus Mitleid. Oder Angst.

Immerhin stehe da mit Schaum vor’m Mund, einem umgebundenen Teppich und einer halb abgerollten Rolle Zewa in der Hand.

Verhandeln kann ich.

 

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